Die 35-Stunden-Woche ist ein Arbeitszeitmodell, bei dem Beschäftigte 35 statt der üblichen 40 Stunden pro Woche arbeiten – häufig bei vollem Lohnausgleich. In Deutschland ist sie vor allem in der Metall- und Elektroindustrie tarifvertraglich verankert und gilt dort als Vollzeit. Studien zeigen: Kürzere Arbeitszeiten können die Produktivität steigern, die Work-Life-Balance verbessern und Unternehmen als attraktive Arbeitgeber positionieren.
Was ist die 35-Stunden-Woche? – Definition
Die 35-Stunden-Woche bezeichnet ein Arbeitszeitmodell, bei dem die reguläre wöchentliche Arbeitszeit 35 Stunden beträgt. Im Vergleich zur klassischen 40-Stunden-Woche bedeutet das eine Reduzierung um fünf Stunden pro Woche – bei einem 5-Tage-Modell entspricht das sieben Stunden täglicher Arbeitszeit.
Das Besondere: In tarifgebundenen Branchen wie der Metall- und Elektroindustrie wird die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich gewährt. Das bedeutet, der Monatslohn bleibt gleich, obwohl weniger Stunden gearbeitet werden. Der Stundenlohn steigt entsprechend – von beispielsweise 7 Euro auf 8 Euro pro Stunde.
Im Unterschied zur Teilzeit, die individuell vereinbart wird und oft mit Gehaltseinbußen verbunden ist, gilt die tarifliche 35-Stunden-Woche als vollwertige Vollzeitstelle mit allen Rechten und Ansprüchen.
Geschichte: Vom Streik 1984 bis heute
Der Kampf der IG Metall
Die 35-Stunden-Woche geht auf einen der härtesten Arbeitskämpfe der deutschen Nachkriegsgeschichte zurück. Im Frühjahr 1984 streikten Beschäftigte der Metall- und Druckindustrie sieben Wochen lang unter dem Motto "Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen". Die IG Metall forderte die Verkürzung der Arbeitszeit von 40 auf 35 Stunden – einerseits um die Lebensbedingungen der Beschäftigten zu verbessern, andererseits um Arbeitsplätze für die damals 2,5 Millionen Erwerbslosen zu schaffen.
Der Streik endete mit einem Kompromiss: Die wöchentliche Arbeitszeit wurde zunächst auf 38,5 Stunden gesenkt. Erst 1995 – über zehn Jahre später – wurde die 35-Stunden-Woche in der westdeutschen Metallindustrie vollständig umgesetzt.
Angleichung Ost-West
In der ostdeutschen Metallindustrie galt lange Zeit die 38-Stunden-Woche. Erst mit dem Rahmentarifvertrag vom Juni 2021 gelang der IG Metall der Durchbruch: Seitdem wird die Arbeitszeit in Berlin, Brandenburg und Sachsen schrittweise auf das Westniveau angeglichen. Laut IG Metall profitieren inzwischen rund 85 Prozent der Mitglieder in verbandsgebundenen Unternehmen von entsprechenden Betriebsvereinbarungen.
Rechtliche Grundlagen
Arbeitszeitgesetz (ArbZG)
Das Arbeitszeitgesetz gibt keine feste Wochenarbeitszeit vor, sondern legt nur Obergrenzen fest: Laut §3 ArbZG darf die werktägliche Arbeitszeit acht Stunden nicht überschreiten – sie kann auf zehn Stunden verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Monaten ein Ausgleich erfolgt. Das ergibt eine maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden im Durchschnitt.
Die 35-Stunden-Woche liegt deutlich unter dieser Obergrenze und ist damit arbeitsrechtlich unproblematisch. Eine gesetzliche Pflicht zur Einführung existiert allerdings nicht.
Tarifverträge vs. individuelle Vereinbarungen
Die 35-Stunden-Woche ist in der Regel tarifvertraglich geregelt. Ein Tarifvertrag ist eine Vereinbarung zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeberverband, die Arbeitsbedingungen für eine ganze Branche festlegt. Beschäftigte haben nur dann einen direkten Anspruch auf die tariflichen Leistungen, wenn sie Gewerkschaftsmitglied sind und ihr Arbeitgeber tarifgebunden ist.
In Betrieben ohne Tarifbindung gilt häufig die 38- bis 40-Stunden-Woche. Hier können Arbeitgeber:innen und Beschäftigte die Arbeitszeit individuell vereinbaren – allerdings meist ohne vollen Lohnausgleich.
Vollzeit oder Teilzeit? So wird die 35-Stunden-Woche eingestuft
Ob die 35-Stunden-Woche als Vollzeit oder Teilzeit gilt, hängt von der betriebsüblichen Arbeitszeit ab. Das regelt §2 des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (TzBfG): Teilzeitbeschäftigt ist, wer weniger als die im Betrieb übliche Arbeitszeit leistet.
In der Metall- und Elektroindustrie, wo 35 Stunden tariflich als Vollzeit definiert sind, gilt dieses Modell als vollwertige Vollzeitstelle. In einem Betrieb mit 40-Stunden-Regelarbeitszeit würden 35 Stunden hingegen als Teilzeit gelten – mit entsprechenden Auswirkungen auf Gehalt und Sozialleistungen.
Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten Vollzeitbeschäftigte in Deutschland 2024 im Durchschnitt 40,2 Stunden pro Woche. Die durchschnittliche Arbeitszeit aller Erwerbstätigen – also inklusive Teilzeit – lag bei 34,8 Stunden und damit unter dem EU-Durchschnitt von 37,1 Stunden.
Vor- und Nachteile der 35-Stunden-Woche
Vorteile für Arbeitnehmer:innen
Die Arbeitszeitverkürzung bringt für Beschäftigte spürbare Vorteile: Mehr Zeit für Familie, Hobbys und Erholung verbessern die Work-Life-Balance. Studien belegen, dass kürzere Arbeitszeiten das Wohlbefinden steigern und das Risiko für stressbedingte Erkrankungen wie Burnout senken können.
Bei vollem Lohnausgleich erhöht sich zudem der effektive Stundenlohn, ohne dass Einbußen bei Rente oder Sozialleistungen entstehen.
Vorteile für Arbeitgeber:innen
Auch Unternehmen können von der 35-Stunden-Woche profitieren. Sie stärkt das Employer Branding und positioniert Arbeitgeber:innen als modern und mitarbeiterorientiert – ein Wettbewerbsvorteil im zunehmenden Fachkräftemangel. Flexible Arbeitszeitmodelle gehören heute zu den wichtigsten Entscheidungskriterien für Bewerber:innen.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Die Produktivität pro Stunde bleibt bei kürzeren Arbeitszeiten oft stabil oder steigt sogar. In Island führte ein großangelegtes Pilotprojekt mit 2.500 Beschäftigten zwischen 2015 und 2017 zu gleichbleibender oder verbesserter Produktivität – bei deutlich höherer Zufriedenheit der Teilnehmenden.
Weitere positive Effekte für Unternehmen sind geringere Fehlzeiten, niedrigere Fluktuation und eine verbesserte Mitarbeiterbindung.
Mögliche Nachteile und Herausforderungen
Die Einführung der 35-Stunden-Woche ist nicht ohne Hürden. Bei vollem Lohnausgleich steigen die Personalkosten pro Arbeitsstunde. In Branchen mit Schichtbetrieb oder Kundenkontakt kann zusätzlicher Personalbedarf entstehen.
Kürzere Arbeitszeiten können auch zu erhöhtem Zeitdruck führen, wenn das Arbeitsvolumen gleich bleibt. Die Pausenzeiten verkürzen sich ebenfalls: Gesetzlich vorgeschrieben ist eine 30-minütige Pause erst ab sechs Stunden Arbeitszeit. Der informelle Austausch in Kaffeepausen oder beim Mittagessen – oft ein wichtiger Faktor für Teamkultur und kreative Lösungen – kann dadurch leiden.
Praktische Umsetzung – Tipps für HR
Die Einführung einer 35-Stunden-Woche erfordert sorgfältige Planung. Folgende Schritte haben sich in der Praxis bewährt:
Analyse der Ausgangssituation: Erfasse die aktuellen Arbeitszeiten, Auslastung und Personalkosten. Tools zur digitalen Zeiterfassung liefern hier wertvolle Daten.
Modellauswahl: Die 35 Stunden können unterschiedlich verteilt werden: klassisch fünf Tage à sieben Stunden, oder vier Tage à 8,75 Stunden für einen zusätzlichen freien Tag (Vier-Tage-Woche).
Rechtliche Grundlage schaffen: Je nach Situation sind Betriebsvereinbarungen, Änderungsverträge oder der Beitritt zu einem Arbeitgeberverband erforderlich.
Pilotphase: Teste das Modell zunächst in einer Abteilung. Miss Produktivität, Zufriedenheit und Fehlzeiten, bevor du es unternehmensweit ausrollst.
Kommunikation: Informiere alle Beteiligten transparent über Änderungen bei Arbeitszeit, Gehalt, Urlaubsanspruch und Überstundenregelung.
Häufige Fragen zur 35-Stunden-Woche
Wie viele Stunden pro Monat arbeitet man bei einer 35-Stunden-Woche?
Bei 35 Stunden pro Woche ergeben sich durchschnittlich etwa 152 Stunden pro Monat (35 × 4,33 Wochen). Bei einem 5-Tage-Modell entspricht das sieben Stunden täglicher Arbeitszeit. Die tatsächliche Stundenzahl variiert je nach Feiertagen und Urlaubstagen.
Ist die 35-Stunden-Woche Vollzeit oder Teilzeit?
Das hängt von der betriebsüblichen Arbeitszeit ab. In der Metall- und Elektroindustrie gilt 35 Stunden tariflich als Vollzeit. In Betrieben mit 40-Stunden-Regelarbeitszeit wäre 35 Stunden hingegen Teilzeit. Entscheidend ist der Vergleich zur üblichen Arbeitszeit im Betrieb gemäß §2 TzBfG.
Was bedeutet voller Lohnausgleich bei Arbeitszeitverkürzung?
Voller Lohnausgleich bedeutet: Der Monatslohn bleibt gleich, obwohl weniger Stunden gearbeitet werden. Der Stundenlohn erhöht sich entsprechend. In der Metallindustrie wurde dies tariflich durchgesetzt. Bei individuellen Vereinbarungen ohne Tarifbindung ist auch eine anteilige Gehaltskürzung möglich.
In welchen Branchen gilt die 35-Stunden-Woche?
Die 35-Stunden-Woche ist tarifvertraglich verankert in der Metall- und Elektroindustrie (seit 1995), der Holz- und Kunststoffindustrie sowie teilweise in der Druck- und Medienindustrie. Zunehmend führen auch Startups, IT-Unternehmen und Kreativagenturen das Modell freiwillig ein. Im Osten Deutschlands wird die Angleichung auf 35 Stunden seit 2021/2022 vorangetrieben.
Wie wirkt sich die 35-Stunden-Woche auf die Rente aus?
Bei vollem Lohnausgleich gibt es keine Auswirkungen: Die Rentenbeiträge bleiben gleich, da sie sich nach dem Bruttoeinkommen richten. Bei Gehaltskürzung sinken entsprechend auch die Rentenbeiträge und damit die späteren Rentenansprüche.
Welche Vorteile hat die 35-Stunden-Woche für Arbeitgeber?
Unternehmen profitieren von einem modernen Arbeitgeberimage (Employer Branding), einem Wettbewerbsvorteil bei der Fachkräftegewinnung, oft gleichbleibender oder höherer Stundenproduktivität, geringerer Fluktuation und Fehlzeiten sowie weniger Burnout-Fällen.
Sind Überstunden bei der 35-Stunden-Woche erlaubt?
Ja, das Arbeitszeitgesetz erlaubt bis zu 48 Stunden pro Woche im Durchschnitt. Überstunden entstehen, wenn die vertraglich vereinbarten 35 Stunden überschritten werden. Innerhalb von sechs Monaten muss der Durchschnitt wieder bei acht Stunden pro Tag liegen. Tarifverträge können strengere Regelungen vorsehen.
Wie kann ein Unternehmen die 35-Stunden-Woche einführen?
Die Einführung erfordert eine Analyse der aktuellen Arbeitszeiten, die Wahl eines passenden Modells (5×7 oder 4×8,75 Stunden), eine rechtliche Grundlage (Betriebsvereinbarung oder Vertragsänderung), eine Pilotphase in einer Abteilung, klare Kommunikation an alle Mitarbeitenden und gegebenenfalls die Einführung digitaler Zeiterfassung.
Fazit
Die 35-Stunden-Woche ist mehr als ein Relikt aus den Tarifkämpfen der 1980er Jahre. Sie hat sich als modernes Arbeitszeitmodell etabliert, das Beschäftigten mehr Lebensqualität bietet und Unternehmen im Wettbewerb um Fachkräfte stärken kann. Ob tariflich verankert oder freiwillig eingeführt: Die Vorteile – von höherer Zufriedenheit über bessere Gesundheit bis zu stabiler Produktivität – sind wissenschaftlich belegt.
Für HR-Verantwortliche lohnt sich die Prüfung, ob und wie eine Arbeitszeitverkürzung im eigenen Unternehmen umsetzbar ist. Die Pilotprojekte aus Island, Großbritannien und deutschen Unternehmen zeigen: Mit guter Planung kann das Modell für alle Seiten gewinnbringend sein.
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Quellen
- Arbeitszeitgesetz (ArbZG). Bundesrepublik Deutschland, 2024. https://www.gesetze-im-internet.de/arbzg/
- Wöchentliche Arbeitszeit im EU-Vergleich 2024. Statistisches Bundesamt (Destatis), 2024. https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/woechentliche-arbeitszeitl.html
- Tarifvertrag Metall- und Elektroindustrie: Arbeitszeit. IG Metall, 2024. https://www.igmetall.de/tarif/tariflexikon/arbeitszeit2
- Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG). Bundesrepublik Deutschland, 2024. https://www.gesetze-im-internet.de/tzbfg/
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